Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18.12.00

Alles Glück der Welt in einer Nacht
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"Ja, ist denn heut' schon Silvester?" mag sich mancher Passant vor dem Bockenheimer Depot angesichts des Feuerwerks und der freudigen, sich mit Sekt zuprostenden und ein schönes neues Jahr wünschenden Menge vor dem Eingang gefragt haben. Unter dem Motto "Glück" hatten das Produktionsteam der Hochschule für Gestaltung Offenbach und das Ballett Frankfurt/Das TAT zum 8. Schmalclub geladen. Let's get small.

Wie um die alte Einsicht zu widerlegen, daß das Glück immer da ist, wo ich nicht bin, wurde der Wunsch der Spaßgesellschaft nach Dauerfete wahr gemacht: Festkultur im Zeitraffer, 365 Tage an einem Abend, mit allen Festen, die ein Jahr zu bieten hat. Unter dem Regime zweier großer Bildschirme, die Monat und Tag anzeigten, konnte man sich etwa an einem Geburtstagstisch zu gegebener Zeit feiern lassen. Oder man konnte der sogenannten Benetton-Familie auf einer exponierten Bühne zusehen, wie sie sich mit Mai-Bowle und Grillparty ausdauernd durch das Jahr feierte. Für die nachdenklichen Momente gab es unter anderem eine kreisförmig angeordnete Audio-Video-Station, an der man in Interviews mit allerlei Leuten über ihre Vorstellungen und Erfahrungen von Zeit hineinhören konnte. Auf dem Bildschirm war der Strudel der Zeit ein naher Blick von oben in einen laufenden Mixer voller Milch. Auf der größten Leinwand, vor der zum ersten Mal bei einem Schmalclub einbezogenen Bühnenbestuhlung, war eine Endlosziehung der Lottozahlen mit den verschiedenen Ziehungsapparaten zu sehen, also 365 Tage Pech.

Zusammengebunden wurde alles von "Rollergirls", die ständig unterwegs waren und, wenn es soweit war, etwa Ostereier verteilten oder zum Valentinstag von Hand geschriebene Liebesbriefe: "Verschwende nicht Deine kostbare Zeit mit diesen Zeilen, komm eilends in meine Arme." Fast übertönt wurde alles von der Musikanlage der Dancefloor-Zone, deren durchdringende Klänge darauf verwiesen, daß man sich in einem ehemaligen Industriegebäude befand. HUBERT BECK

Frankfurter Rundschau vom 20.12.00

In einem Aufwasch
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Weihnachten hätten wir mal überstanden. Auch Silvester ist Gott sei Dank rum, und das Geböller war gar nicht so schlimm dieses Jahr. Leider haben wir den eigenen Geburtstag diesmal nicht miterlebt, den haben andere gefeiert. War einfach zu spät dafür, denn der Oktober war irgendwann gegen 2 Uhr nachts.

Sicherlich ist das seltsam. Genauso seltsam wie die Tatsache, dass Silvester um eine Stunde vorverlegt wurde, eine Viertelstunde dauerte, und um 23.15 war dann auf einmal Januar. Im Bockenheimer Depot. Beim Schmalclub, denn die haben schon mal vorgefeiert. Alle Feste, die jährlich so anfallen, mit Ostern und Pfingsten und Erntedank und so weiter. Da hat man dann alles in einem Aufwasch.Was praktisch ist, weil man nur einmal die Partykleid-Frage klären muss und den Bekannten pauschal gratulieren kann. Alles Gute. Wozu auch immer. Glückwunsch und auf dein Spezielles.
Die Besucher bekamen Geburtstagstorte. Sie durften basteln und trinken und tanzen, nur Topfschlagen fehlte. Die Partygesellschaft, die auf der Bühne exemplarisch die Feiertage durchexerzierte, hatte einen harten Job. Die dürften sich ein bisschen wie bei Bölls Nicht nur zur Weihnachtszeit vorgekommen sein, wo das Feiern zum Dauerstress wird. Bloß, dass beim Schmalclub, den die Offenbacher Hochschule für Gestaltung jetzt zum achten Mal organisiert hat, noch Faschingspolonaise, Matzebrotessen und Eierlaufen hinzu kamen.ani

Frankfurter Neue Presse vom 19.12.00

Die Vergangenheit ist eine schwarze Kuh mit Tupfen
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Wir muessen uns die "Schmalclub"-Macher als glueckliche "HfG"- Studenten (der Hochschule fuer Gestaltung, Offenbach) vorstellen. Sieben Male haben sie ihre Arktis-Abstecher und Monster-Basare mit schmalen Geldmitteln ueber die schmalen Raender der Buehne und Tribuene im TAT- Depot gewaelzt. Wer sich mit solchem Eifer seiner Designstudien befliss, weiss viel und moechte vermutlich alles wissen, wenn beim achten Mal der Millenniumswechsel naht. Allerdings signalisierte das Schmalclub-Motto, das sich Nicole Algieri und Kommilitonen fuer die Iden des letzten Monats im Jahrtausend ausgedacht hatten, vor allem, dass sie nach sieben Konzepten "den Leuten einfach etwas Gutes tun" wollten (Algieri): daher der Sekt und das Silvesterfeuerwerk, die das wartende Publikum schon vor der Tuer von der ueblichen Verspaetung und ihren kalten Zehen ablenkten, daher spaeter die Huetchen und der Kuchen, womit sie hernach ihre Geburtstage feiern durften, und die Liebesbriefe zum Valentinstag.

Konzeptlos gluecklich ging der "Schmalclub" dennoch nicht ab. Fuer das Glueck braucht es bekanntlich Zeit. Da hatte es schon seinen Witz, die Neujahrsfeier vorweg zu nehmen - warum sollte man sich Glueckstage vom Kalender diktieren lassen? Ferner gab es unter "Happy-Birthday"- Durchsagen, Techno-Beschallung und berollschuhten Maedels einen Tanzboden mit Video (Bild: ablaufende Kalendertage), eine Film- Lottoziehung (Glueck, Zeit und Zahl . . .) und eine Ecke mit Monitoren, die dem meditativ gestimmten Zuschauer einen rotierenden Koerper zeigten, waehrend auf Kopfhoerer Weisheiten ueber die Zeit abspulten ("die Vergangenheit ist eine kleine schwarze Kuh mit weissen Tupfen"). Beitrag 8 zur Kunst: beim Partyfeiern die Sinne und das Hirn am Netz zu lassen. MARCUS HLADEK