Frankfurter Neue Presse 28.02.00

Der Reisebus fährt direkt an den Frankfurter Nordpol
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Im zweiten Sturm des "Schmalclubs" auf das Bockenheimer Depot liessen die Studenten der Offenbacher "Hochschule fuer Gestaltung" Party Party sein.

Vielleicht war es ja das "White Bouncy Castle", das die Fantasie beim Januar-"Schmalclub" in den Graben draengte. Numero zwo fiel weitaus kunst- und fantasievoller aus als der alberne Vorlaeufer. So gefaellt der Pakt von TAT und "HfG". Mehr kreative Kraefte beteiligten sich diesmal. Ob deshalb ein praezis kalkuliertes Konzept all die Videos und Installationen integrierte? Vor die Wahl zwischen Sammelsurium und Gesamtkunstwerk gestellt, entschieden Silke Bauer, Corinna Gab und Betty Rothe sich fuer ein Drittes. Das Triumfeminat baendigte die vielfoermigen Beitraege durch Theatralisierung. Ueber allem stand das Konzept "Hotel Frankfurt Nordpol". Den Hotel-Plan in der Hand, stand der Gast an der Rezeption, wo er sich zur Busfahrt meldete, eincheckte, einen Tisch bestellte und Massage oder Frisur buchte. Sprechblasen wie "Aktivierung des Kunstrezipienten" moegen wenig besagen, aber das Arrangement forderte auf, von Ort zu Ort am Parcours teilzunehmen, vergleichbar den "Schnittstellen", die der Mousonturm vor einem Jahr auftat. Wie die elektronischen Schriftbaender und Videofilme verdankten auch die Zimmer-Installationen sich einzelnen "HfG"-Kuenstlern.

Oder man flog im Bus (real) zum Nordpol aus (virtuell). Der erwies sich als Terrain in Frankfurts Norden, aufgeruestet um Gruenzeug aus dem hohen Norden, einen beinahe echten Eisbaeren und den letzten Keks Robert C. Scotts. Echt war immerhin die norwegische Bordsprache, die alles durch Ironie ueber kommerzielle Rollenspiele erhob. Gemessen an den schmalen Mitteln, waren Humor und konstruktivistische Intelligenz des "Hotels" fuer drei Sterne gut. Die Sache hatte Witz und Leben. Postmodern, sozusagen. MARCUS HLADEK

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 03.03.2000

So viele Sterne über der Stadt
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Gehört der Nordpol zu Norwegen? Oder warum spricht die Reiseleiterin im Bus Norwegisch? Und was hat dieser Keks hier zu suchen, der, würdevoll auf britischer Flagge gebettet, an Robert Falcon Scott erinnern soll, der doch auf dem Rückweg vom Südpol verhungerte und erfror? Ach, die Touristen sollten auf die Probe gestellt werden! Und einige haben sich wirklich gewundert, als sie hörten, dass Asmussen statt Amundsen Herrn Scott zuvorgekommen sei und der letzte Keks des Konkurrenten um den Südpol jetzt vom Schmalclub des Frankfurter TAT am Nordpol aufbewahrt werde. Was eigentlich ist aus den Herren Cook und Peary geworden, die tatsächlich den Nordpol suchten? Zu unbekannt, zu unbekannt, winkten die Veranstalter ab, weil sie offenbar nicht wussten, dass auch die Arktis en vogue ist und sich die Entdecker-Literatur auf den Regalen nicht nur der Reise-Buchhandlungen türmt.

Nach einer missglückten Abschiedsparty für das White Bouncy Castle im Bockenheimer Depot hat der "2. Schmalclub" seine Gäste auf eine Reise nach "Frankfurt Nordpol" eingeladen. Die Studenten und Studentinnen derOffenbacher Hochschule für Gestaltung, mit denen das Theater am Turm bei dieser multimedialen Installation kooperiert, vor allem aber die Organisatorinnen Silke Bauer, Corinna Gab und Betty Rothe, haben sich viel Mühe gegeben, die Extrembedürfnisse der Globetrotter von heute zu befriedigen. Damit es in den Reisebussen und Hotelbetten nicht zu eng würde, begrenzten sie diesmal die Besucherzahl und setzten die Veranstaltung für zwei Abende an. Kaum hatten sich die Türen des Depots cum tempore geöffnet, checkten die ersten Pol-Abenteurer an der Rezeption ein und begaben sich unter Führung einer charmanten Norwegerin in den Bus, der bereitstand.

Mit einem Apfel und einem Schokoriegel als Verpflegung wäre Scott wohl schon auf dem Hinweg verhungert. Doch die Expedition zum Frankfurter Nordpol dauerte nur 20 Minuten. Über dem Hubschrauber-Landeplatz von Bonames spannte sich das abendliche Firmament. So viele Sterne sogar über Frankfurt, wer hätte das gedacht? Sicher war auch der Polarstern darunter, nur für Unkundige leider nicht als Wegweiser auszumachen.

Ein Fackelträger übernahm jetzt die Gruppe und alle trabten brav hinter ihm her, um sich über die seltene Flora und Fauna dieser unberührten Wildnis aufklären zu lassen. Tatsächlich leuchteten rosa Blüten aus dem Gestrüpp, und in der Ferne führte ein zweibeiniges weißes Monster einen Balztanz auf. Hinter der "Mawilagrotte" dröhnten sogar Urlaute aus einem Gehäuse, in dem offenbar Clair Dietrich sang und die Band Vivienne spielte. Funken spühten aus verrosteten Tonnen, die mit ihrer Holzfüllung eigentlich Wärme verbreiten sollten. Die erschöpften Extremtrekker wärmten sich lieber mit Kartoffelsuppe auf.

Auf der Rückfahrt wurden zwar keine Kekse, dafür aber Pocketcoffee verteilt und Taschentücher für die potenziellen Folgen des arktischen Klimas. Verluste waren nicht zu beklagen, als die Gruppe das "Hotel" im Depot stürmte. 14 Zimmer, von den Studenten spartanisch bis luxuriös eingerichtet, und ein Massageraum mit professionellem Service harrten hinter weißen Tüchern auf ihre Gäste, die sich an der Rezeption für sieben Mark eine Dreiviertelstunde einmieten konnten.

Manche machten es sich erst einmal auf den Polstern der TV-Lobby bequem, lauschten den stampfenden Bässen der DJs Freeze, Jacek und ffwd und sahen sich die Videoinstallationen an, die entweder weiße Wege ins Nirgendwo oder das Füttern der Öfen auf dem Landeplatz zeigten. Eine Touristin ließ sich die Mähne von der Friseurin Petra Kübert stutzen, andere knabberten im Hotel-Restaurant an den schon etwas ausgetrockneten Spezialitäten von Volker Klag.

Ein kalter, lauter Abend also mit allem, was das moderne Touristenherz begehrt: Abenteuer, Fitness, Wellness, Entertainment und Ruhezonen inmitten einer dröhnenden Geräuschkulisse. Statt einer gestalteten eine abgebildete Welt, eine überflüssige Wiederholung, die sich nur gelegentlich mit Ironie rechtfertigen konnte. CLAUDIA SCHÜLKE