Frankfurter Rundschau vom 05.03.03

Post kriegen
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Kennen Sie Ihren Briefträger? Der Mann, der Ihnen sonst nur leere Versprechungen Marke "Sie haben 2 Millionen Euro gewonnen!" einwirft, könnte bald zu einem teuren Freund werden. So denken sich das Silke Bauer und Bernd Euler jedenfalls, die den 22. Schmalclub organisieren und damit zugleich ihre Diplomarbeit an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung vorlegen.

Die Veranstaltungsreihe mit Basis-Station TAT im Bockenheimer Depot kommt dieses Mal aus der Ferne, und zwar einen Monat lang täglich, als eine Art postalischer Adventskalender im April. Statt wie bisher die Besucher bei abendlichen Veranstaltungen in Mitmach-Aktionen zu verwickeln, sie als Akteure auf die Bühne zu stellen oder mit dem Bus an ein unbekanntes Ziel zu karren, ist die neue Ausgabe des Schmalclub auf die eigenen vier Wände zugeschnitten.

Doch allzu viel inszenatorischer Einsatz ist nicht nötig, wenn man sein eigenes Publikum ist. Das Konzept von Silke Bauer und Bernd Euler bezieht sich vor allem auf die Dinge, die man ohnehin so tut. Wie immer gibt es Anweisungen, und wie immer wird nicht viel verlangt, außer, das Alltägliche einmal bewusst und anders zu betrachten. So könnten sich also demnächst Themenvorschläge für den nächsten Small-Talk im Briefkasten befinden, eventuell ein paar Inspektionskriterien, nach denen man sein eigenes Zimmer mal untersuchen sollte, oder die Aufforderung, an einer geheimen öffentlichen Stelle in der Stadt eine Markierung anzubringen.

Bei rund 120 Teilnehmern, die beim Schmalclub mitmachen können, entsteht das Wir-Gefühl dieses Mal auf einer anonymen Ebene, sicher ist aber: es wird zu Begegnungen kommen. Zwar wollen Euler und Bauer ihre ganzen guten Ideen noch nicht preisgeben. Aber sie deuten schon mal an, dass der Kalender in dem geplanten Zeitraum für sie spielt. Beginnt doch der April mit dem Reingelegt-Tag, hält zwischendrin Ostern parat und endet dann mit Tanz in den Mai.

Anmelden kann man sich zum Brief-Schmalclub bis zum 15. März, indem man im TAT-Vorverkauf für 10 Euro eine Karte erwirbt. Zu gewinnen gibt es keine Millionenbeträge, aber möglicherweise etwas Erkenntnis und sicher Gewissheit, dass der Briefträger mindestens eine erfreuliche Mitteilung im täglichen Sortiment hat. SILKE HOHMANN



Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 07.05.03

Brieftauben falten
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Unter bunten Lampions begrüßten Silke Bauer und Bernd Euler ihre Gäste mit einem Glas Sekt im Grünen und übergaben ihnen den letzten Brief mit einem Päckchen Blumensamen persönlich. Die Macher des 22. Schmalclubs "PS" hatten alle 126 Teilnehmer und deren Freunde zu einem abschließenden Treffen in den Grüneburgpark eingeladen. Den ganzen April über hatten die zu 90 Prozent im Großraum Frankfurt wohnenden Teilnehmer täglich Briefe und Postkarten erhalten, die sogar aus England, Italien und der Schweiz verschickt wurden.

Oft stellten die Briefe den Empfängern kreative Aufgaben. So sollten sie orangefarbene Punkte an einer bestimmten Säule in der U-Bahn-Station Konstablerwache ankleben, Origami-Brieftauben falten, Anzeigen mit schlichten Botschaften wie "Guten Tag" oder "Viel Glück" aufhängen. Sie konnten geheime Botschaften in einem Buch der Stadtbibliothek hinterlassen oder bei minutiös geführten Spaziergängen die eigene Wohnung erkunden. In einem der letzten Briefe hatte jeder die Chance, einem anderen unbekannten Teilnehmer dieses interaktiven Projekts zu schreiben. Den Brief leitete das Schmalclub-Team an den entsprechenden Empfänger weiter.

Zum Abschluß der einmonatigen Aktion bestand die Möglichkeit, zum Grillen in den Park zu kommen und die beiden Organisatoren und weitere "PS"-Teilnehmer kennenzulernen. Auch dieser Schmalclub war eine Kooperation der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG) und dem Ballett Frankfurt. Das Projekt "PS" stand unter dem Titel "Bereicherung im Alltag" und stellt einen Teil der Diplomarbeit von Silke Bauer und Bernd Euler dar. Dies war außerdem der erste Schmalclub, der sich fast ausschließlich in den eigenen vier Wänden der Teilnehmer abspielte, weshalb sich die Gäste erst beim Abschlußfest kennenlernten: Es sei schön, jeden Tag Post zu bekommen, und zwar nicht nur Rechnungen, sagte eine junge Frau. Im Zeitalter von E-Mails sei das die Ausnahme geworden. ANN-KRISTIN PERSSON