Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 05.04.01

Abenteuerreise Schlafen
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Müde mag wohl mancher schon gewesen sein, am Beginn des 10. Schmalclubs im Bockenheimer Depot, der um Mitternacht begann, von Angespanntheit keine Spur. Auffallend war, daß im Vergleich zu früheren Schmalclubs, deren Reiz nicht zuletzt in einem gut gemischten Publikum bestand, überwiegend jüngere Leute sich zu dieser Abenteuerreise des Schlafens im Theater aufgemacht hatten. Zielstrebig holten sie die vorbereiteten Schlafbeutel mit Kissen, Decke und Zahnbürste und gingen daran, aus den unzähligen Matratzen und Kissenwürfeln Höhlen, Kuschelecken oder Liegewiesen zu bauen. Die eine Hälfte des Raums sah bald wie eine Mischung aus Schlafsaal, Sandburgenstrand und Woodstock aus.

An anderen Orten konnte man tanzen, an die Bar gehen, Horrorfilme ansehen, in einer kleinen Treppenbibliothek Nachtlektüre ausleihen, Kinderkassetten hören, Bettflaschen zum Umbinden holen, die in liebevoll gestickten Hüllen steckten, oder an einem Tisch die gängigen, mit einfachsten wie witzigen Mitteln nachgebauten Gesellschaftsspiele spielen. Schmalclubs sind immer Gesellschaftsspiele mit einfachen Mitteln, diesmal auch eine Zeitreise zu den Einschlafritualen, eine Art Klassenfahrt in den eigenen Alltag und die kollektive Biographie. Zu jenen Ritualen gehört das Vorlesen. Ein Schauspieler des TAT las später sehr lange inmitten der körperlichen Nähe des vollen Matratzenlagers aus "Tausendundeiner Nacht". Dazu konnte man mit den Augen den traumhaften Formen eines Schattenspiels folgen.

Vorher waren die meisten neugierig und gingen mit auf die "Nachtexpedition". Sie führte einen, ausgerüstet mit Taschenlampen, ins benachbarte stockfinstere Senckenbergmuseum. In der Nacht sind eben nicht alle Tiere grau, sondern viel realistischer, was der Museumsführer mit seiner Taschenlampe einleuchtend an den Gefiederfarben der Vögel demonstrierte. Als er bei dem Löwenpaar die Leistung der Präparatoren mit der eines van Gogh verglich, meinte jemand, die Löwin habe aber doch zwei Ohren. Es war also eine interessante Nacht, vielleicht mit etwas weniger Schlaf; für das Frühstück war selbstverständlich gesorgt.

Es ist gar keine schlechte Idee, der spielerische Versuch, von der schmalen, alltäglichen Seite her die soziale Dimension des Theaters wiederzubeleben. Wir sollten öfters mal woanders schlafen: im Museum, in der Schule, im Römer. HUBERT BECK

 

Frankfurter Rundschau vom 02.04.01

Sturmfreie Bude mit Nutella
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Ein Kindertraum hätte so aussehen oder eine Katastrophe hätte dazu geführt haben können, daß Fremde in einem öffentlichen Raum kollektive Zuflucht im Schlaf suchen. Man ruht auf Matrazen, eine Märchenerzählerin entspannt die Lage. Wer lieber raucht als schläft, separiert sich in der Ecke mit den Nahrungsmitteln und geistigen Getränken. Diese Unentwegten bewegen sich auf einer Endlosspur der Übermüdung. Um sechs Uhr dreißig übernimmt das Tageslicht unauffällig die Regie. Es hellt eine Situation auf, die vom 10. Schmalclub unter dem Titel tired & tensed im Bockenheimer Depot herbeigeführt wurde, um vielmehr mit skurrilen als katastrophischen Anmutungen über die Bühne zu gehen. Hinter dem Zusammenschluss steht das Frankfurter Balett, das TAT und die Offenbacher Hochschule für Gestaltung. Das Konzept wurde von Silke Bauer, Jan Brand, Michael Bennett, Betty Rothe und Valerie Sietzky realisiert. Damit sind die dürren Fakten abgegolten.

In der Szene, die sich dem Betrachter zur angegebenen Stunde zeigt, verliert das Organisierte seine Deutlichkeit in lauter individuellen Äußerungen, so wie den unbewußten Regungen im Schlaf und dem Geplänkel der Schlaflosen. Als Herberge gewinnt der hoch überkuppelte Raum des Bockenheimer Depots etwas von seiner ursprünglichen Funktion zurück, das im Theaterbetrieb flöten gegangen ist. Der Schlaf gehört offenbar eher zur Welt der Arbeit als jede Inszenierung.
Von den Veranstaltern bekam jeder Schläfer ein Kopfkissen und Zahnputzzeug. Aus Polstern und Möbeln entstand eine Höhle mit vielen Kammern: vielleicht wird darin anders geschlafen als auf den beruhigten Flächen daneben. Schattenspiele an der Wand.

In einer Zone wird der Schlaf besonders behütet, auch von Teddys. Auf einer Treppe liegen Bücher, für solche die daran gewöhnt sind, vor dem Schlaf in einer Lektüre zu versinken. Gern einmal öffentlich schlafen wollte eine, die das aber nicht geschafft hat und deshalb dem Betrachter auf Fragen antworten kann. Sie ist dabei, Waffeln zu backen. Ihre Einschätzung der Lage spielt mit dem Genre der sturmfreien Bude ... wenn die Eltern außer Haus waren, man Freunde eingeladen und die Party das Stadium des Erschöpfungstaumels erreicht hatte. Wie zur Illustration ihrer Freude an der Regression streicht die Befragte Nutella auf eine Waffel. Um zum Schluß zu kommen: zu erkennen ist ein unvertrautes Format für Intimität. In der Bereitschaft der Probanden sich darauf einzulassen, wird alles Öffentliche nahezu vollständig absorbiert. Das ist eine schöne Erfahrung. JAMAL TUSCHIK